Hello again! Ein bisschen länger durftet ihr hier nichts von mir lesen, was ich wiederum sehr schade finde, aber hey! Mit neuem Layout, in das ich mich erst einmal noch richtig reinfuchsen muss, und neuem Elan bin ich nun wieder bei der Sache. Das vergangene Wochenende verbrachte ich außerdem in Stockholm. Auch wenn ich noch immer ein wenig knatschig bin, weil ich nicht einfach dort bleiben konnte, habe ich immerhin nicht nur Kaffee und eine wunderschöne Mohair-Strickjacke von Acne Studios mitgebracht, sondern auch einen Film-Tipp. Die Dokumentation Ovarian Psycos um genau zu sein, aber dazu an späterer Stelle mehr — ein bisschen Reisebericht muss an dieser Stelle sein! 🙂

Tempo Documentary Festival 2017

Wie der Zufall es wollte, landeten wir an einem Abend recht unvorgesehen in einem Kino. Ich weiß gar nicht mehr so genau, wieso überhaupt. Es muss wohl das recht kühle Wetter in Kombination mit dem schönen Interieur des Kinofoyers gewesen sein. Das machte auf uns nämlich eher den Eindruck eines Cafés. Nachdem wir einen Blick auf die Filme geworfen hatten und feststellen mussten, dass es keinen Film gab, den wir nicht entweder schon gesehen hatten oder wir beide sehen wollten, bemerkte meine wunderbare Begleitung Cecilia, das parallel ein Filmfestival stattfand. An Filmfestivals können wir bekanntlich nicht besonders gut vorbeigehen und so dauerte es auch nur wenige Minuten, bis wir ein Programmheft des Tempo Documentary Festivals in den Händen hielten und in Erfahrung gebracht hatten, wie wir an Tickets für  Ovarian Psycos kommen.

Diese gab es bereits für 80 Kronen und die Membership Card, die uns Studentinnen eigentlich 40 Kronen hätte kosten müssen, schenkte uns der Filmenthusiast, der am Ticketschalter saß, am folgenden Tag sogar. Glück muss man manchmal einfach haben. Es ist irgendwie immer schön, auf Menschen zu treffen, die sich ebenso für Film begeistern wie man selbst. Das größte Dokumentarfilmfestival Schwedens gibt es übrigens seit 1998 und es gab einige Filme im Programm, die wir interessant fanden oder bereits kannten.  Raving Iran war zum Beispiel auch dabei. Solltet ihr also im März 2018 rein zufällig in Stockholm sein, lohnt sich ein Besuch des Festivals auf jeden Fall! Wir haben auch nicht zehn Filme geschaut, sondern ein Screening an unserem letzten Abend besucht, das wiederum perfekt gepasst hat. (Zu dieser Jahreszeit wird es in Nordeuropa ja doch noch recht schnell dunkel.)

Ovarian Psycos

Ovarian Psycos: „A refuge for the runaway, the throwaway“

Für mich als Kind des Münsterlands und als Wahlmünsteranerin ist die Vorstellung, dass Radfahren nicht zum Alltag gehört, absurd. Fast so absurd wie teure Sonntagsräder. Oder der Hype um Rennräder, Fixies usw. Mein Vater fährt seit Jahrzehnten Rennrad und hat mir beigebracht, mein Rad zu reparieren, da konnte ich quasi kaum ohne Stützräder fahren. Umso beeindruckender fand ich deshalb Ovarian Psycos, eine Dokumentation über eine gleichnamige Gruppe Frauen in Los Angeles, für die Radfahren weder Trend noch Mittel zum Zweck ist, sondern ein Akt der Selbstbefreiung, Selbstbestimmung — oder eben eine Art Safe Space.

Die beiden Regisseurinnen Joanna Sokolowski und Kate Trumbull-Lavalle konzentrieren sich dabei vor allem auf drei Frauen. Xela de la X hat die Ovarian Psycos als Refugium für sich und andere Frauen in East L.A. gegründet. Sie ist alleinerziehend und will nicht, dass ihre Tochter so aufwächst wie sie damals. Nach und nach erfahren wir von sexuellem Missbrauch durch ihren Vater und einer Mutter, die das nicht wahrhaben konnte oder wollte. Andi Xoch, ein weiteres Gründungsmitglied, ist Künstlerin und stellt Spielzeug her, das sich nicht dem binären Geschlechtersystem unterwirft. Und schließlich ist da noch Evie, die ganz neu bei den „Ovas“ ist. Für sie ist das Radfahren der Ausbruch von Schule, Arbeit und einer konservativen Mutter, die ihr Engagement alles andere als gutheißt.

„Ovaries So Big, We Don’t Need No Balls!“

Ovarian Psycos ist mitreißend, der Soundtrack genial und wir haben den Kinosaal nicht nur gut unterhalten verlassen, sondern auch das Gefühl gehabt, „mehr“ machen zu müssen. Denn bei aller Unterhaltsamkeit geht es doch um ernste Themen. Missbrauch, Misogynie, Gewalt, Kriminalität, Armut — vor allem im Kontext der mexikanischen Community in Los Angeles. Es ist erschreckend, wie wenige Kilometer vom Hollywood Bvd. die Welt eine ganz andere ist. Konkret geht es hier um die USA, aber auch hierzulande leben wir ja doch recht glücklich in unserer ganz persönlichen Seifenblase.

Mit etwas über 70 Minuten ist Ovarian Psycos insgesamt kurzweilig und mehr Kontext, mehr Hintergrund hätte der Dokumentation sicher keinen Abriss getan. In diesem Fall muss man sie wohl eher als Porträt verstehen. Hier und da stechen dafür die Szenen, in denen das Radfahren besonders in Szene gesetzt wurde — ich muss hier ganz kurz das Wort „Drohne“ droppen — hervor. Das kann man jetzt gut oder schlecht finden, erwähnenswert ist es allemal. Persönliche Geschmäcker gehen da ja schließlich auseinander und mir fällt so etwas immer auf. Nichtsdestotrotz solltet ihr euch den Streifen ansehen. Wirklich! Schnell!

Ovarian Psycos
Bildmaterial: © Sylvia Frances Films
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