Heute möchte ich euch einen Film ans Herz legen, der aktuell im Kino läuft. Während des laufenden Wintersemesters, das sich ja so langsam dem Ende zuneigt, habe ich ein Seminar zum NSU-Prozess besucht, war beim Prozess selbst vor Ort und wir haben uns intensiv mit rechter Gewalt seit den 90er Jahren beschäftigt. Von daher lag es auf der Hand, dass ich Wir sind jung. Wir sind stark. unbedingt sehen musste. Meine Begleitung hat den Kinosaal übrigens schon vor Ende verlassen und auch ich fand den Film als recht intensiv.

Kurz und knapp, worum geht’s? Rostock-Lichtenhagen, 24. August 1992. Die überlaufene Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber wird geräumt, das danebenliegende Wohnheim für vietnamesische Vertragsarbeiter nicht. Im Laufe des Tages wird es immer unruhiger, gegen Abend kommt es zu Ausschreitungen, bei der am Ende mehrere Hundert Rechtsradikale unter dem Applaus von zeitweise Tausenden Zuschauern Molotowcocktails auf das Wohnheim werfen, in dem sich noch etwa 100 Vietnamesen (und ein Team des ZDF) befinden, während die Polizei sich immer weiter zurückzieht und Rettungskräfte von Umstehenden behindert werden.

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Mittendrin eine Gruppe Jugendlicher, darunter Stefan (Jonas Nay), sein Freund Robbie (Joel Basmann) und dessen Bruder Sandro (David Schütter), der aus seiner rechten Gesinnung keinen Hehl macht. Stefan wirkt wie die anderen ziellos, hoffnungslos und vertreibt sich die Zeit. Auch seinem Vater Martin (Devid Stresow), Lokalpolitiker, gelingt es nicht, ihm Halt zu geben. Auf der anderen Seite steht Lien (Trang Le Hong), die sich weigert, ihre Familie zurück nach Vietnam zu begleiten, weil sie ihre Zukunft in Deutschland sieht. Ihre Aufenthaltsgenehmigung erhält sie an dem 24. August, an dem ihr Wohnheim brennen wird.

(Bildmaterial: © Zorro Film / ZDF)
(Bildmaterial: © Zorro Film / ZDF)

In einigen Kritiken habe ich gelesen, dass das „Wieso?“ in Wir sind jung. Wir sind stark. zu kurz kommen würde. Ich finde absolut in Ordnung, ja sogar ziemlich gut, dass Regisseur Burhan Qurban sich nicht dieser einen großen Frage gestellt hat. Er befasst sich mit dem Thema eben nicht aus der gesunden, analysierenden Distanz, sondern beleuchtet einzelne Schicksale, zeigt auf, dass man nicht zwangsläufig ein Neonazi sein muss, um rassistisch zu sein.

Trotz einzelner Schwächen halte ich Wir sind jung. Wir sind stark. für absolut sehenswert – allgemein, aber auch unbedingt jetzt, wo in Städten wie Dresden Tausende Pegida-Anhänger auf die Straße gehen. Oder wie in München, wo der im NSU-Prozess angeklagte André Eminger mitdemonstrierte. Geschichte kann sich wiederholen – und das darf nicht passieren.

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