Travel Diary: Stockholm, Ch. 3

Skandinavien scheint bei uns Artlovers wohl ziemlich hoch im Kurs zu stehen, wo es uns fast alle recht regelmäßig in den Norden zieht. Martyn hat vor einiger Zeit mit seinem Reisetagebuch aus Stockholm vorgelegt, Alex folgte im vergangenen Jahr und an dieser Stelle soll mein Kapitel 3 stehen. Und Sandra? Die hängt gerade in meiner neuen Lieblingshauptstadt ab und ich bin ziemlich gespannt, was sie noch ergänzen kann!

Aber zurück zum Anfang meiner persönlichen Stockholm Story. Es gibt Tage, da läuft einfach alles schief. Nichts scheint zu gelingen und schlechte Laune macht sich breit. An einem dieser Tage stolperte ich über ein unschlagbar günstiges Flugangebot. Naja, und manchmal sollte man halt nicht zu länge zögern. Die liebste Cecilia war an jenem Tag ähnlich miesepetrig und die Flüge schnell gebucht. Bei der Wahl der Unterkunft haderten wir dafür umso mehr und überhaupt: Bis zum Abflug hatten wir so viel um die Ohren, dass wir unseren Trip ohne konkrete Pläne starteten. Vermutlich stockt an dieser einigen Lesern der Atem. Ich ohne Pläne? Da ich ja tendenziell etwas neurotisch veranlagt bin und ich daraus vor Freunden und Bekannten keinen Hehl mache, ist das in der Tat etwas ungewöhnlich.

Stockholm

Hej Stockholm!

Letzten Endes entschieden wir uns zwar für Södermalm als Ausgangspunkt unserer Erkundungen, allerdings gegen große Hotels oder Hostels. Stattdessen machten wir es uns bei Monica im Hotel Tre Små Rum gemütlich, für das ich eigentlich gar keine Empfehlung aussprechen will, weil ich fürchte, dort sonst nie wieder ein bezahlbares Zimmer zu bekommen. (Das verhält sich an dieser Stelle etwa wie mit Bands. Man gönnt ihnen gleichzeitig den Erfolg, aber ist auch genervt davon, dass sie jetzt jeder hört, wo man sie doch zuerst entdeckt hat. Quasi. Als allererste Person auf diesem Planeten.) Anders als der Name des Hotels vermuten lässt, bietet Monica in sieben Zimmern Gästen Platz, die sich drei Badezimmer und eine Küche teilen.

Das Tre Små Rum liegt im Souterrain wie viele der kleineren Unterkünfte in Stockholm, aber das hat uns nicht gestört. Die Badezimmer waren penibel sauber, von Handtüchern über einen Fernseher bis zu einem Schminktisch war alles vorhanden, was das Herz begehrt. Die Betten sind weich, die Atmosphäre gleicht einer gemütlichen Höhle und Monica als Host war einfach fabelhaft. Wir haben uns eigentlich mehr wie Besucher gefühlt, so herzlich wurden wir empfangen. Davon einmal abgesehen träume ich jetzt noch vom Frühstück, das mehr als großartig war. Für ein so kleines Hotel war die Auswahl echt toll; fast alles aus biologischer Produktion, Brot und Granola selbstgemacht und so weiter. Wenn ich jetzt noch weiter ausschweife breche ich bei dem Gedanken an mein heutiges Frühstück in Tränen aus.

Stockholm

Auf der Suche nach Frühstück — oder einem halben Pfund Zimt:

Ein bisschen angeschlagen von der nächtlichen Reise durchs halbe Ruhrgebiet und einem zugegeben reibungslosen Flug mussten wir allerdings am ersten Tag anderweitig für einen vollen Magen sorgen. Gesagt, getan. Mit der U-Bahn ging es weiter nördlich in Richtung Östermalm. Das Frühstücksangebot des Café Saturnus hatten wir allerdings knapp verpasst und mussten uns deshalb mit Kaffee und Zimtschnecke begnügen. Wobei „Begnügen“ hier tatsächlich das falsche Wort ist. Die Zimtschnecke war in etwa so groß wie meine gesamte Hand und der große Cappuccino wurde in einer Schüssel serviert. Wer braucht schon Tassen? Im Nachhinein mussten wir vielleicht zugeben, dass wir uns eine Kanelbulle hätten teilen sollen, aber egal. Vollgefuttert rollt es sich besser. Oder so.

This is for book lovers.

Mit jeweils genug Zucker und Koffein für drei im Blut erkundeten wir also die Umgebung. Unser erster Tag stand ganz im Zeichen von Literatur, als wir zwei Bibliotheken einen Besuch abstatteten. Zuerst verschlug es uns dabei in die Kungliga biblioteket, der schwedischen Nationalbibliothek, die fast 20 Millionen(!) Exemplare beinhaltet. Nicht erst beim Anblick der emsigen Besucher, die alle wunderschön zu sein schienen, kam uns zum ersten Mal der Gedanke: Sweden, you rule. Weiter ging es zu Stockholms Stadsbibliotek, die nach den Entwürfen von Gunnar Asplund gebaut wurde, der nicht zu Unrecht als einer der bedeutendsten schwedischen Architekten und als Pionier der skandinavischen Moderne gilt. Bücher über Bücher über Bücher, angeordnet in einer Rotunde. Auch ohne Kuppel entsteht hier das Gefühl, in einem Pantheon der Weltliteratur zu stehen und ja, genau so sollten Bücher aufbewahrt werden.

Stockholm Stockholm

So sehr ich den Geruch von Schuhläden hasse, so liebe ich den Geruch von Büchern und Druckerschwärze. Keine digitale Aufbewahrungsform kann je so schön sein, nichts kommt der Haptik von Papier nahe, dass ich ein E-Book einem richtigem Buch vorziehen würde. Hach. In einem Buchantiquariat waren wir übrigens auch noch und hätte ich Cecilia nicht irgendwann mehr oder weniger aus dem Laden geschleift, wären wir vermutlich noch heute da. Dafür wäre ich vor nach der kurzen Nacht fast in der Stadtbibliothek eingeschlafen, aber hey. Ein bisschen Schwund ist immer. Ihr könnt euch vermutlich vorstellen, wie sehr wir uns bei 17 gelaufenen Kilometern und drei Stunden Schlaf nach unseren Betten gesehnt haben.

Kunst, Kultur, Klischees.

An dieser Stelle muss die chronologische Nacherzählung der Ereignisse der Übersichtlichkeit zuliebe weichen. Ordnung ist das halbe Leben, dies das. Unser Trip kam mit überraschend wenig Planung aus, weil Cecilia und ich feststellten, dass wir die Tage beide entspannt angehen wollten und unsere Interessen sich so ähnlich waren, dass es da nichts zu diskutieren gab.

Nach einem phänomenalen ersten Frühstück im Hotel spazierten wir also erst einmal rüber zur Fotografiska, einem, nein, dem Fotomuseum in Stockholm. Das ist im ehemaligen Zollhaus untergebracht und beherbergte im März Ausstellungen von Patrick Demarchelier, Ren Hang und Lennart Nilson — die Eröffnung zu Cooper & Gorfer haben wir leider um einen Tag verpasst. (Das kommt davon, wenn man so unfassbar spontan ist.) Übrigens ist nicht nur das Museum selbst großartig, sondern auch Restaurant und Café, die im obersten Geschoss untergebracht sind und dank Panoramafenster einen wunderbaren Ausblick auf Wasser und Stadt bieten. Selbst die Toiletten sind fancy! Wir haben mit unserem All-Black-Kunstkenner-Outfit und den dunkellila Augenringen auf jeden Fall perfekt dazu gepasst. Haha.

Ebenfalls (mehr als) einen Besuch wert ist das Moderna Museet, in dem aktuell noch die Sonderausstellung „The Cleaner“ von Marina Abramović zu sehen ist. Alle anderen Ausstellungen sind aber ebenso spannend und dazu noch kostenfrei! Am Ende wurden wir mehr oder weniger aus dem Museum geworfen, weil wir nach einer kurzen Fika noch ewig durch die Gänge gewandert sind. Tipp: Das angeschlossene Café Blom serviert nicht nur schmackhafte Kanelbullar, sondern auch hervorragenden Kaffee von Johan & Nyström, den die Baristas im Stammladen selbst nicht so hinbekommen haben. (Für den gibt es von unserer Seite also keine Empfehlung.)

Södermalm: Darf’s ein bisschen hip sein?

Als Medienwissenschaftler sind Cecilia und ich natürlich noch in einem Kino gelandet. Eigentlich wollten wir nur mal einen Blick in das gemütliche Victoria im Herzen Södermalms werfen, als wir feststellten, dass zu dem Zeitpunkt ein Filmfestival stattfand. Der Ticketkauf war schnell beschlossene Sache und der Rest ist bekanntlich Geschichte. Der trendbewusste Tourist nennt diesen Teil von Stockholm übrigens nur Söder und auch wenn ich ja gern über Szeneviertel lache, hat diese Ecke doch echt viel zu bieten. Dort findet sich zum Beispiel auch Sneakersnstuff, die mich bisher nur online mit Schuhen versorgt haben. Da ich davon mehr als genug habe, wurde Cecilia eingedeckt. Die hat sich ihre letzten Sneaker nämlich nach unserer Lissabon-Exkursion gekauft. Es wurde also Zeit.

Während ich mich beim Shopping stark zurückgehalten hatte, kam der kulinarische Genuss alles andere als zu kurz. In der Nähe des Hotels befindet sich Falafelbaren, der für deutsche Verhältnisse ziemlich teure, aber eben auch unglaublich leckere Falafel im Angebot hat. Ich bin jedenfalls mehr als glücklich, den Laden abends noch einmal betreten zu haben, nachdem wir vormittags zufällig daran vorbeigeschlendert waren. Gerade für Studenten lohnt sich das ebenfalls in Söder gelegene Hermans, das mir tatsächlich von mehreren Personen ans Herz gelegt wurde. Auf das vegan-vegetarische Buffet gibt es nämlich 50% Rabatt bei Vorlegen des Studentenausweises, sofern man noch ein Getränk kauft. Das ist preislich nicht nur ziemlich okay, sondern sorgt auch dafür, dass man sich erst recht  übernimmt. Ja, Stockholm ist schon etwas teurer. Die Stadt unterscheidet sich da nicht vom restlichen Skandinavien, aber seien wir mal ehrlich. Wir haben einfach das Glück, dass Lebensmittel hierzulande einfach unfassbar günstig sind.

Life begins after coffee.

Nachdem wir bereits viele, viele Kaffees getrunken hatten, war ich immer noch auf der Suche nach dem einem richtig guten Filterkaffee. Das mit der Latte Art bekommt in Stockholm nämlich jeder Laden hin. Ich war richtig baff, dass ich nur schöne Cappuccinos serviert bekommen habe. Aber zurück zum Filterkaffee. Unser Erlebnis bei Johan & Nyström war ja, unabhängig vom Preis, ein eher frustrierendes. Ich gehe ja nicht zu einem Kaffeespezialisten, um ein lauwarmes(!) Getränk serviert zu bekommen, das ich zu Hause besser hinbekomme. Nee, echt nicht. Geschmacksache ist dagegen die spezielle Kaffeemilch von Oatly, die man als vegane Variante statt Sojamilch überall angeboten bekommt. Obwohl ich Hafermilch und auch Oatly wirklich gern im Kaffee trinke, war die so gar nicht mein Fall. Okay, jetzt aber. Filterkaffee. Den habe ich dann doch noch bekommen. Mitten in Söder. Wo auch sonst?

Drop Coffee, Drop Coffee und zum dritten Mal Drop Coffee. Geht da hin. Wirklich. Vergesst eure Kreditkarte nicht, aber geht hin! Drop Coffee macht nicht nur Kaffee, sie rösten ihn auch und er ist gut! Auf Empfehlung hin habe ich den Finca Nejapa aus El Salvador getestet und direkt eine Packung Bohnen als Souvenir gekauft. (Der ist aktuell online nicht verfügbar und jetzt mache ich mir ernsthafte Sorgen um Nachschub. Den wollte Sandra mir nämlich mitbringen. Aaahhh!) Der Typ hinter der Theke war übrigens auch grundsympathisch und überhaupt fühlt man sich in dem Laden direkt wohl. Hach, hach. Ich könnte halt echt ein Liebeslied über Drop Coffee schreiben.

Und sonst:

StockholmNatürlich sind an dieser Stelle noch die Gamla stan und das Stadshus erwähnenswert, zwei Sehenwürdigkeiten von einigen, die wir uns ebenfalls angeschaut haben. Gerade die Altstadt ist sehr schön, wenn auch ebenso touristisch. Es lohnt sich definitiv, einen Blick in einen handelsüblichen Reiseführer zu werfen. Drei Travel Diaries bei uns Artlovers sprechen für sich, finde ich. Bei gutem Wetter lohnt sich zum Beispiel auch eine Bootsfahrt in die Schären. Wenn ich das nächste Mal in der Stadt bin, möchte ich Stockholm allerdings mit dem Kanu erkunden. War dann dieses Mal vielleicht doch noch vielleicht etwas zu kalt. Der nur für diesen Trip geliehene Rollkoffer wurde bei dem Schnee, der uns bei unserer Ankunft erwartete, nämlich böse verflucht. Beim nächsten Urlaub im Norden nehme ich wieder meine Sporttasche mit. Pah!

Cecilia hat sich übrigens in den Autumn Tea von NuTe verliebt. Weiß jemand, ob man den zufällig irgendwo in Deutschland kaufen kann? Ich habe mich ja fleißig an Kaffee gehalten und mein restliches Geld beim Acne Archive investiert. Vermutlich hätte ich den Laden gar nicht erst betreten sollen, aber so ganz ohne ein neues, in diesem Fall wirklich hochwertiges Teil für meinen Schrank wollte ich die skandinavische Fashion-Hauptstadt dann doch nicht verlassen.

Langer Rede kurzer Sinn: Diese wunderbare Stadt hat mich nicht zum letzten Mal gesehen! ♡

Stockholm

Zum Abschluss vielleicht noch ein paar kurze Worte zu den kürzlichen Ereignissen in Stockholm: Ich war nur selten an Orten, an denen die Menschen so offen, hilfsbereit und freundlich waren wie in dieser Stadt. Gleichzeitig habe ich mich auch unfassbar sicher und willkommen gefühlt wie in keinem Urlaub zuvor. Wir selbst waren nur einmal in der Nähe des Ortes, an dem vor einigen Tagen der Anschlag stattgefunden hat, dennoch hinterlässt eine solche zeitliche Nähe ein ganz seltsames Gefühl in der Magengrube. Unsere Gedanken sind bei den wundervollen Menschen der Stadt und wir hoffen, dass sich diese grundsätzliche Offenheit gegenüber anderen trotz dieser furchtbaren Erlebnisse niemals ändert.
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